Vom Traumurlaub zum Albtraum

Nach einem Jahr Vorbereitungszeit begann am 9. April 2015 unser lang ersehnter Traumurlaub in Nepal. Alles war perfekt geplant, zwei Tage Kathmandu, Fahrt ins Langtang-Tal, Aufstieg auf 4.200 Meter zu den Seen von Gosainkund, Abstieg auf 1.700 Meter zurück ins Langtang, Aufstieg bis auf 5.850 Meter auf den Naya Kanga, Überschreitung des Ganja La (5.200 Meter) und Rückweg durch das Helambu nach Kathmandu. Vier Wochen wollten wir uns Zeit nehmen. Das erste Mal so ein langer Urlaub (Mit ziemlich schlechten Gewissen gegenüber meinen Kollegen, die meine Arbeiten mit erledigen mussten!).

Die körperliche Vorbereitung verlief relativ holprig. Seit Juli vergangenen Jahres hatte ich Probleme mit meinem linken Fuß, zeitweise konnte ich gar nicht auftreten. Arztbesuche, Stoßwellentherapie, Physiotherapie haben nicht wirklich Erfolge gebracht. Dann ging es meiner Frau (Beatrix) längere Zeit nicht gut. Regelmäßiger Sport zur Vorbereitung blieb ein Wunschtraum. Kurz vor der Abreise bekam Beatrix dann noch eine schwere Erkältung. Alles schon Zeichen?

Wir haben uns aber nicht entmutigen lassen und flogen am 9. April von Leipzig nach Istanbul und anschließend von Istanbul nach Kathmandu. In Istanbul wurde erst über eine Stunde am Flugzeug repariert, dann durften wir einsteigen. Dann wurde weiter repariert. Der Pilot sagte über den Bordfunk, eigentlich ist ja alles ok, nur das Entertainment-System funktioniert leider nicht. Während des Fluges flackerte dann ständig das Licht, das Essen wurde nicht warm, die Flugbegleiter liefen ständig aufgeregt durch die Gänge. Ein Zeichen?

Am 10. April frühmorgens landeten wir dann etwas rau in Kathmandu. Temba (der Chef unserer Agentur) und seine Leute holten uns vom Flughafen ab. Die Begrüßung war sehr herzlich. Wir erhielten eine Blumenkette aus frischen Blumen und ein Seidentuch zur Begrüßung. Anschließend wurden wir in unser Hotel gebracht. Es gab einen Kaffee und alles Weitere wurde besprochen. Wir waren nach der anstrengenden Anreise erleichtert und freuten uns auf den Urlaub. 

Bereits 09.00 Uhr kam Anup unser City-Guide. Er meinte, es gibt so viel zu sehen, wir sollten gleich los. Er zeigte uns zwei Tage lang viele Sehenswürdigkeiten in Kathmandu. Anup ist 27 Jahre alt und ein ganz lebenslustiger Bursche. Er hat uns viel von sich erzählt, sein Vater ist vor einiger Zeit gestorben, er ernährt die Familie (Mutter und zwei Schwestern), nächstes Jahr will er heiraten (Seine Freundin und er kennen sich sieben Jahre, getroffen haben sie sich bisher nur in Gaststätten, Küsse und mehr gibt es erst nach der Hochzeit). Er will noch in diesem Jahr ein neues Haus bauen. Geld hat er sich geborgt. Nachdem wir ihm gesagt haben, dass er vom Alter her unser Sohn sein könnte, nannte er uns nur noch seine Eltern. Kurz gesagt: Die zwei Tage Kathmandu mit Anup waren toll.

Dann ging es mit dem Jeep nach Shafru Bensi. Sechs Stunden Autofahrt über Holperpisten und durch Flüsse. Am 13. April startete unsere Trekkingtour. Gemeinsam mit Guide Kesang und unserem Träger Kami ging es los. Herrliche Landschaften (Eisberge, Rhododendron-Wälder) und vor allen Dingen nette, freundliche und hilfsbereite Menschen. Wie wir es uns gewünscht haben, saßen wir abends in den Lodges gemeinsam mit den Familien am Ofen. Besonders schön war es in Thulo Shafru. Die Besitzer hatten vier kleine Kinder, die mit uns gespielt haben. Einfach toll. Alle haben überlebt. Gott sei Dank!

Auf dem Weg nach Laurebina bekam Beatrix plötzlich Höhenprobleme (Luft) und zusätzlich hatte sie sich noch eine Lebensmittelvergiftung eingefangen. Sie schleppte sich nur noch mühsam auf ca. 4.000 Meter in die Lodge. Dort entschieden wir uns, nicht weiter zu den heiligen Seen von Gosainkund zu gehen, sondern etwas früher als geplant ins Langtang abzusteigen. Ein Zeichen? 

Auf dem Weg nach Bamboo im Langtang haben wir an einem Teehaus Rast gemacht. Eigentlich wollte ich unserer Tochter eine Nachricht schicken. Aber kaum hatte ich das Handy rausgeholt, kamen auch schon zwei Kinder zu mir. Ein höchstens Dreijähriger blickte vielsagend auf mein Handy. Erst habe ich ihm einige Bilder gezeigt, dann habe ich ihm das Handy einfach gegeben. Er hat sich damit dann eine halbe Stunde beschäftigt. Ich war erstaunt, was mein Handy so alles kann. Man muss sich das vorstellen: Irgendwo im Nirgendwo, kilometerweit von jedem Ort entfernt, lebt dieses Kind mit seinen Eltern und seinem Bruder und kann mit meinem High-Tech-Smartphone Sachen machen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Es war richtig schön! Ob sie überlebt haben, wissen wir nicht. Das Haus war alt und lag einsam an einem wahrscheinlich tausend Meter hohen Hang.

Über Bamboo ging es nach Lama Hotel. Dort kamen unser Climbingguide Mingmar und drei weitere Träger mit der Bergausrüstung dazu. Von dort in den Ort Langtang. Auf dem Weg von Lama Hotel nach Langtang merkte ich schon früh, dass etwas nicht stimmte. Ich schleppte mich die Tausend Höhenmeter nur mühsam voran. Nachmittags als wir in Langtang ankamen, war ich total kaputt. Unsere Guides merkten das natürlich und fragten, ob ich zum Arzt müsse. In Langtang gab es ein Krankenhaus. Das Einzige im Langtang-Tal. Ich sagte, wir warten erstmal eine Stunde. Vielleicht geht es dann ja besser. Die beiden jüngsten aus unserer Truppe Kesang und Dorsche meinten, sie gehen mal gucken, ob überhaupt ein Arzt da wäre und wann er Sprechzeiten hätte. Nach einer halben Stunde kamen sie zurück mit zwei ca. 20-jährigen Krankenschwestern. Die wollten einfach mal nach mir schauen. Da es mir inzwischen aber besser ging, palaverten wir alle gemeinsam rund um den Ofen in der Lodge eine ganze Weile. Ganz liebe nette hilfsbereite junge Dinger. Sie sind beide tot!

Am nächsten Tag ging es bei mir wieder etwas besser. Der Weg nach Gjangjin Gompa (knapp 4.000 Meter hoch) war auch nicht besonders weit. Genau das wollten wir sehen. Deshalb sind wir nach Nepal gekommen. Rings um den Ort riesige schnee- und eisbedeckte Berge, wenige Menschen, eine Wahnsinns-Natur!

Zur Akklimatisation wollten wir am kommenden Tag auf den Tserko Ri, etwa 5.000 Meter hoch. Dann plötzlich fingen die Probleme bei mir wieder an. Ich bekam nur noch schwer Luft. Bis auf 4.700 Meter schleppte ich mich hoch, dann ging nichts mehr. Ich sagte unserem Bergguide, er soll mit Beatrix alleine auf den Gipfel. Ich blieb mit einem Träger zurück. Die beiden haben es auch geschafft. Als sie auf dem Gipfel ankamen war alles in Wolken. Beim Abstieg kam noch ein Schneesturm dazu. Wir machten uns riesige Sorgen, aber es ist alles gut gegangen. Zeichen?

Ich war natürlich mächtig enttäuscht, dass ich es nicht geschafft habe. Erste Zweifel kamen auf, ob der Naya Kanga in dieser Verfassung überhaupt machbar ist. Ich entschloss mich, am kommenden Tag auf einen kleineren Berg zu steigen und zu testen, ob es mit der Luft geht. Bereits in der Nacht konnte ich kaum schlafen, weil ich schlecht Luft bekam. Trotzdem probierte ich es am nächsten Tag. Das Ergebnis war für mich niederschmetternd. Ich schaffte es nicht mal mehr auf 4.300 Meter. Damit war es eindeutig: Der Naya Kanga war nicht zu machen. Mit diesen Höhenproblemen weiter aufzusteigen wäre extrem leichtsinnig. Abends setzten wir uns zusammen. Kesang (unser Guide), Mingmar (unser Climbingguide), Beatrix und ich. Wir diskutierten die Möglichkeiten, was wir in den verbleibenden Tagen machen können. Variante 1 war bis zum Ende des Langtang weiter zu gehen und dort ein paar Tage zu campen. Wir hatten ja die komplette Ausrüstung mit. Alle meinten, dort ist es fantastisch, kein Ort und keine Menschen und noch näher an den großen Bergen. Die zweite Variante war abzusteigen und im unteren Teil des Langtang auf den Tamang Heritage Trail zu wechseln. Das ist eine recht einfache Tour, die viele Einblicke in das Leben der Menschen bietet. Eigentlich wäre die einzig richtige Entscheidung wegen meiner Luftprobleme gewesen, schnell abzusteigen. Nach einigen Hin und Her entschlossen wir uns trotzdem für die Campingvariante. Die Aussicht auf die absolute Abgeschiedenheit war letztlich ausschlaggebend. Und ich sagte mir, die zwei drei Tage in der Höhe halte ich schon noch durch.

Am nächsten Tag entschieden wir uns nach fünf Stunden Fußmarsch, an dieser Stelle unsere Zelte aufzubauen und erst am nächsten Tag weiterzugehen. Ein herrliches Tal, 4.200 Meter hoch, rechts und links nochmal 2.000 Meter höhere Berge, keine Menschenseele, viele Yaks. Abends machten wir dann ein Lagerfeuer. Kesang und Dorsche holten immer mehr Holz. Es war ein absoluter Gaudi. Jedem hat es riesigen Spaß gemacht. Am nächsten Morgen (der 25. April) entschieden wir uns, die Zelte an dieser Stelle stehen zu lassen und nur einen Ausflug zum Ende des Tals zu machen und anschließend zurückzukommen.

Mittags waren wir zurück, es gab zuerst Suppe. Beim Suppelöffeln so gegen 12.00 Uhr fing es plötzlich an zu rumpeln, die Erde fing an, sich zu bewegen. Das steigerte sich immer mehr. Dazu hörte man schon die ersten Steine die Berge runterkommen. Wir versuchten wegzulaufen. Die Zelte standen nahe an einer riesigen Felswand. Aber laufen ging nicht, man wurde hin- und hergeworfen. Beatrix kam gar nicht mehr hoch. Gemeinsam mit Kami riss ich sie hoch und wir schafften es in die Mitte des Tals. Das Tal war hier nur etwas mehr als hundert Meter breit. Auf der einen Seite die riesige Felswand, auf der anderen Seite schneebedeckte Berge. Dann ließ das Beben nach. Dafür kamen Gesteinslawinen und auf der anderen Seite Schneelawinen ins Tal. Wir waren voller Panik. Aus dem Teil des Tales, aus dem wir vor wenigen Minuten zurückgekommen waren, dröhnte es furchtbar. Dort muss es riesige Felsabbrüche gegeben haben. Schließlich kam eine große Staubwolke von dort zu uns gezogen. Alles wurde weiss. Und als ob das alles noch nicht reichte, fing plötzlich ein Schneesturm an. Unsere Guides versuchten uns zu beruhigen. Plötzlich tauchte ein humpelnder Mann auf. Es war ein Guide, der mit zwei Touristen unterwegs war. Er sagte, er braucht Hilfe. Einer der beiden Touristen, ein Mann, sei von einem Felsen erschlagen wurden, seine Frau hat beide Beine gebrochen, lebt aber noch. Mingmar ergriff sofort das Kommando. Alles wurde eingepackt. Er sagte, wir gehen nach Gjangjin Gompa zurück. Unterwegs versuchen wir der Frau zu helfen. Er entschied, dass die Seite an der Felswand, an der auch der Weg verläuft, zu gefährlich sei. Wir müssen über den Fluss auf die andere Seite. Der Fluss war hier ca. 15 Meter breit und oberschenkeltief. Also Schuhe aus und durch. Beatrix hatte hier einen völligen Blackout. Sie war so voller Panik, dass sie sich die Schuhe nicht mehr alleine ausziehen konnte. Alle halfen ihr und versuchten sie zu beruhigen. Unsere Guides bildeten eine Schlange durch den Fluss und halfen uns so herüber. Das Wasser war eisig. Da unsere Guides mehrfach rüber mussten (erst halfen sie Beatrix, dann mir, dann holten sie noch das Gepäck) waren ihre Hosen total nass. Wir hatten noch trockene Sachen in unseren Rucksäcken und verteilten sie.

Kurz danach kamen wir an der Unglücksstelle vorbei. Die Frau lebte noch. Mingmar forderte über sein Satellitentelefon einen Rettungshubschrauber an und half noch wo er konnte. Der Rettungshubschrauber kam am Mittag des nächsten Tages. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es der Frau ergangen ist. Erst den Mann verloren, dann schwer verletzt 24 Stunden in der Kälte auf Rettung warten. Einfach furchtbar!

Der Rückweg nach Gjangjin Gompa dauerte insgesamt fast sechs Stunden. Laufend gab es Nachbeben, Gesteins- und Schneelawinen. Das Wetter war extrem schlecht. Wir haben teilweise nur ein paar Meter sehen können. Einen Weg gab es eigentlich nicht. Wir mussten über riesige Risse, die das Erdbeben verursacht hatte, durch Schnee und Schlamm. Trotzdem führte uns unser Team, besonders Kami, erfolgreich zurück. Als wir in Gjangjin Gompa ankamen, wurde uns erstmal das ganze Ausmaß bewusst. Den Ort gab es nicht mehr. Es gab kein einziges unbeschädigtes Gebäude. Die Trümmer waren hunderte Meter verstreut. Es war wie nach einer riesigen Explosion. Mein erster Gedanke war, ich muss unsere Tochter anrufen und sagen, dass es uns gut geht, bevor die deutschen Medien von dem Erdbeben berichten. Gott sei Dank hatten wir das Satellitentelefon. Sie war auch sofort am Telefon. Ich hatte noch nicht mal richtig angefangen zu sprechen, da weinte sie schon fürchterlich. Sie wusste also schon Bescheid. Es fiel mir wahnsinnig schwer, nicht gleich mit zu heulen. Aber ich wollte sie ja beruhigen. Ich sagte ihr, dass es uns gut geht und sie sich keine Sorgen machen muss. Bei dem Gespräch erfuhr ich auch, dass es in Kathmandu und am Everest große Zerstörungen und viele Tode gegeben haben soll.

Anschließend bauten wir unsere Zelte neben einer amerikanischen Expedition auf, die gerade zum Zeitpunkt des Erdbebens hier angekommen war. Langsam wurde uns allen klar, dass wir hier noch lange nicht in Sicherheit waren. Dazu kam, dass Einheimische berichteten, dass es keinen Rückweg mehr gab, da der Ort Langtang durch Lawinen total zerstört wurde. Das heisst, es gab nur noch den Weg, sich mit Hubschraubern ausfliegen zu lassen. Da Temba, unser Agentur-Chef in Kathmandu nicht zu erreichen war, entschloss ich mich, unsere Tochter nochmals anzurufen. Ich sagte ihr nochmal, dass es uns gut geht, dass es aber toll wäre, wenn sie versuchen könnte, einen Weg zu finden, wie wir hier ausgeflogen werden könnten. Spätestens jetzt glaubte sie mir natürlich nicht mehr, dass es uns toll geht. Wir hatten vor dem Urlaub eine Bergungsversicherung abgeschlossen und uns natürlich auch bei der Deutschen Botschaft in Kathmandu registrieren lassen. Ich ging also davon aus, dass es kein großes Problem sein sollte, einen Hubschrauber zu uns zu schicken.

Dann kam die erste Nacht in Gjangjin Gompa. Ständig Nachbeben und Gesteinslawinen. In dieser Nacht sprangen wir insgesamt sieben Mal aus dem Zelt und starrten auf die Berge. Immer in der Erwartung, jetzt kommen die Steine in unsere Richtung. Unsere Guides, besonders Kami, waren bei dem kleinsten Grollen sofort an unserem Zelt, rissen die Reißverschlüsse auf und halfen uns raus.

Am nächsten Morgen stellten wir dann fest, dass wir insgesamt ca. 30 Touristen waren. Wir hatten alle unsere Zelte in der Nähe des Hubschrauberlandeplatzes aufgestellt. Die Einheimischen hatten Ihre eingestürzten Häuser verlassen und campierten unter Planen zwischen riesigen Felsen. Einige verletzte Einheimische kamen hilfesuchend zu uns. Darunter eine Frau mit einem Baby, das beide Beine gebrochen hatte. Das ist eines der Bilder, die man wahrscheinlich nie mehr los wird. Eine Frau kam zu uns, mit einem stark geschwollenen und blauen Arm. Beatrix hatte alles dabei, um ihr zumindest notdürftig zu helfen. Die Frau war so dankbar, dass sie uns lange umarmte und innig drückte. Wir haben alle gemeinsam eine Weile geheult. Trotzdem waren das die kleinen Glücksmomente. Man konnte jemandem helfen! Nachmittags kam ein Mann und drückte jedem ein Paket Kekse in die Hand. Er erzählte uns, dass seine Tochter ums Leben gekommen ist und er wenigstens den Überlebenden helfen möchte. Ist das nicht furchtbar? Wir blieben immer in der Nähe unserer Guides, da wir zu Ihnen Vertrauen hatten. Wir wussten, wenn uns hier jemand raushelfen kann, dann unser Team! Auch am Tag ständig Nachbeben. Es wurde Abend, ein Hubschrauber kam nicht. Die Verletzten, einschließlich des Babys mit den gebrochenen Beinen, mussten weiter warten.

Die Nacht war wieder eine Katastrophe. Wieder Beben, Gesteinslawinen. Raus aus dem Zelt, wieder rein. Wir waren froh, als es hell wurde. Gegen fünf sind wir aufgestanden. Nur raus aus diesem Zelt.

Meine Uhr meinte, es ist Montag der 27. April. Ein Zeitgefühl hatte ich jetzt schon eigentlich nicht mehr. Wie schon am Tag zuvor war es morgens klar. Tolles Wetter zum Fliegen. Nur leider kam keiner. Dann kamen die Wolken und die Hoffnungen waren dahin. Mittags dann die Überraschung. Rotorengeräusche und tatsächlich ein kleiner Hubschrauber, der bei uns landete. Einer Gruppe Franzosen war es irgendwie gelungen, einen Privathubschrauber zu chartern. Der Hubschrauber landete, die Franzosen luden ihr gesamtes Gepäck ein und stiegen ein. Zumindest versuchten sie es. Jetzt kam es zu einem Tumult. Eine Gruppe Einheimischer drohte eine Stange in die Rotoren zu halten, wenn der Pilot versucht, ohne die Verletzten wegzufliegen. Das Handgemenge dauerte einige Minuten. Schließlich flogen die Franzosen samt ihres Gepäcks wieder aus dem Hubschrauben und die Verletzten wurden eingeladen. Wir waren froh, dass es so gekommen ist. Wenigstens die Verletzten einschließlich des Babys waren erstmal gerettet. Wir hatten allerdings Sorgen, dass das bis dahin gute Verhältnis zwischen Touristen und Einheimischen mit dieser Aktion dahin war. Aber dem war nicht so. Nachmittags kamen die beiden „Anführer“, der Bäckereibesitzer und der Chef der Lodge in der wir vor dem Beben geschlafen hatten, und fragten uns, ob es uns gut geht oder ob wir irgendetwas brauchen. Beide machten uns Mut, dass es sicher nicht mehr lange dauern wird, bis wir ausgeflogen werden. Es wurde wieder Abend und die Nacht kam.

Es gab nicht mehr so viele Nachbeben und Steinschläge. Trotzdem war kaum an Schlaf zu denken. Wir lagen jederzeit sprungbereit in unseren Schlafsäcken. Ausziehen ging nicht, wir mussten ja jederzeit bereit sein wegzurennen. Als es früh um fünf war, endlich raus aus dem Zelt.

Der dritte Tag. Die Zeit verging überhaupt nicht. Schlechtes Wetter, Regen, Schnee. Mal ein Gespräch hier, mal ein Gespräch da. Weiter als hundert Meter von unseren Guides weg? Niemals! Unser Satellitentelefon ging auch nicht mehr. Das Guthaben war wohl aufgebraucht. Plötzlich kam Kesang zu uns und sagte, am anderen Ende der Wiese ist ein Amerikaner, der sein privates Satellitentelefon jedem für einen kurzen Anruf zu Hause zur Verfügung stellt. Wir gleich hin und unsere Tochter angerufen. Das Übliche: Uns geht es gut, alles kein Problem. Dann aber die vorsichtige Frage: Hast du was erreichen können, wegen des Hubschraubers? Sie hat alles probiert. Laufend Mails geschrieben und angerufen in der Deutschen Botschaft in Kathmandu. Laufend ist sie vertröstet worden von einem Tag auf den anderen. Im Endeffekt war uns klar, die werden uns nicht helfen. Die einzige Hilfe, die kommen kann, ist die nepalesische Armee. Wenigstens ein kurzes Gespräch mit unserer Tochter. Uns wurde immer bewusster, was wir ihr angetan haben. Wie schlecht es ihr geht.

Nachmittags dann wieder Rotorengeräusche. Ein kleiner Armeehubschrauber. Ein Mann steigt aus, der Hubschrauber fliegt wieder weg. Was soll das denn? Schließlich spricht sich herum, der Mann soll sich einen Überblick verschaffen. Der Hubschrauber kommt kurze Zeit später und bringt eine Gruppe Japaner, die in einem Basecamp festsaßen, zu uns. Schließlich steigt der abgesetzte Mann wieder ein und fliegt weg. Wenigstens nimmt der Hubschrauber eine Familie mit ihrem zweijährigen Kind mit, die hier festsaßen. Unsere Guides sagten uns, dass am nächsten Tag eventuell ein großer Armeehubschrauber kommen soll. Aber sicher ist das natürlich noch nicht. Abends kommt der Chef unserer ehemaligen Lodge wieder und sagt, dass es ja ziemlich kalt ist. Er hat noch zwei Mützen für uns. Kurze Zeit später kommt er mit den Mützen wieder und schenkt sie uns. Auf unsere Frage, was er dafür möchte, winkt er nur ab und sagt, er braucht sie sowieso nicht mehr. Die Kapuzen unserer High-Tech-Jacken haben sicher wärmer gehalten, als die Mützen. Trotzdem haben wir sie sofort aufgesetzt. Sie waren ein Symbol für die Hilfsbereitschaft dieser armen Menschen. Wir haben die ganze Zeit genug zu essen gehabt. Aber nur weil die Einheimischen ihr Essen mit uns geteilt haben. Sie haben uns das Essen gegeben, was sie wahrscheinlich in den nächsten Wochen noch dringend gebraucht hätten. Aber so sind die Nepalis. Freundlich, höflich und unwahrscheinlich hilfsbereit.

Dann kam die vierte Nacht. Nur noch vereinzelte Nachbeben und Steinschläge. Aber wenn es schon keine Echten gibt, bildet man sie sich eben ein. Es ist uns nicht nur einmal passiert, dass wir geglaubt haben irgendetwas zu hören oder zu spüren. Erst nachdem wir aus dem Zelt herausgesprungen waren und kein anderer zu sehen war, war uns klar, dass wir es uns nur eingebildet haben. Beatrix sagte früh, dass sie nicht noch eine Nacht durchhalten wird. Mir war klar, dass das stimmt. Aber was konnten wir tun? Nichts, nur hoffen!

 

Vormittags kam dann der kleine Armeehubschrauber zurück. Diesmal lud er zwei Leute aus. Und tatsächlich: Ein großer Hubschrauber sollte kommen. Die Beiden organisierten alles. Alle sollten sich fertig machen. Das war kein großer Aufwand, da wir bereits jeden früh alles verpackt hatten, den ganzen Tag warteten und abends, wenn keiner kam, wurde das Nötigste wieder ausgepackt. Um die Mittagszeit kam er dann wirklich. Ein Transporthubschrauber der nepalesischen Armee. Alle die wollten wurden nach und nach ausgeflogen. Im Hubschrauber fielen wir uns erstmal gegenseitig um den Hals. Was für ein Gefühl! Aus den Fenstern sahen wir dann den Ort Langtang. Besser gesagt sahen wir, dass eine riesige Lawine über diesen Ort hinweggefegt war. 400 Einwohner und wer weiss wie viele Touristen.

Schließlich landeten wir in Dunche, der erste Ort außerhalb des Langtang. Hier gab es ein Rot-Kreuz-Lager der Israelis. Das wir mal in einem Notaufnahmelager landen würden, hätten wir uns vor diesem Urlaub sicher nicht träumen lassen. Kurz nach unserer Landung trafen wir zwei junge Kanadierinnen wieder, die in Gjangjin Gompa vor dem Beben mit uns in der gleichen Lodge waren. Wir fielen uns in die Arme! Eine Riesenfreude. Zehn Minuten später kam ein junger Deutscher zu uns und fragte, ob alle aus unserer Gruppe überlebt haben. Freude strahlend sagten wir, dass alle unverletzt sind und es uns allen gut geht. Er erzählte dann, dass er mit seiner Freundin am Samstag im Ort Langtang war. Seine Freundin fühlte sich nicht gut und wollte lieber in der Lodge bleiben. Er ging mit ein paar Begleitern Richtung Gjangjin Gompa. Mittag kam das Erdbeben. Er hat seine Freundin nie wieder gesehen!

Kurz danach ging mir durch den Kopf: Am Tserko Ri habe ich Beatrix allein aufsteigen lassen. Wenn das Beben zu diesem Zeitpunkt gekommen wäre? Nicht auszudenken! Unsere Guides suchten in Dunche eine Lodge für uns alle. Wohl war uns nicht, in einem Gebäude schlafen zu müssen. Immerhin gab es nach wie vor laufend Nachbeben. Aber da wir großes Vertrauen in diese Leute hatten, willigten wir ein. Abends tranken wir dann alle gemeinsam ein Bier. 

Das war das erste Mal, dass unsere Guides zeigten, dass auch sie riesige Angst gehabt haben. Alle bedankten sich bei mir, dass es mir schlecht ging und wir deshalb nicht auf den Naya Kanga konnten. Wir wären genau am Erdbebentag am Gipfel gewesen. Mingmar, der schon auf diesem Berg war, sagte, dann wären wir alle tot. Wenn wir abgestiegen wären und den Langtang Heritage Trail gemacht hätten, wären wir zum Zeitpunkt des Bebens irgendwo am Anfang des Langtang-Tales gewesen. Dort ist es noch schmaler als in Gjangjin Gompa. Es gab dort riesige Felsabbrüche. Ich glaube, Glückt gehabt ist sehr sehr stark untertrieben. Wir entschlossen uns, am nächsten Tag nicht darauf zu hoffen, dass das Militär uns nach Kathmandu fliegt. Jetzt konnten wir endlich wieder selbst agieren. Wir wollten bis zu dem Ort laufen, der von Kathmandu aus mit dem Auto zu erreichen ist. Temba wollte uns dorthin einen Jeep schicken. Nachdem ich mir den Waschraum der Lodge angesehen hatte, sagten wir uns, den einen Tag halten wir auch noch ungewaschen durch. Das letzte Mal richtig gewaschen hatten wir uns glaube ich vor gut einer Woche. Die Nacht war nicht wirklich toll, aber immerhin besser als in Gjangjin Gompa.

Am nächsten Tag (es war der 30. April) ging es dann sechs Stunden zu Fuß über eine total zerstörte Straße mit tiefen Rissen und großen Gesteinsbrocken bis nach Kalikastan. Unterwegs viele zerstörte Häuser, verlassene beschädigte LKW, obdachlose Menschen. In Kalikastan waren wir am Ende. Wir waren total kaputt. Sicher auch, weil die Anspannung langsam abfiel. Wir setzten uns vor einen kleinen Shop. Die junge Besitzerin kam sofort zu uns, schälte einige Mandarinen und gab uns immer wieder einige Stückchen. So richtig gut sahen wir wahrscheinlich nicht aus. Aber auch hier wieder, Menschen die selbst kaum noch etwas haben, teilen mit Wildfremden. Dann kam tatsächlich der Jeep. Wir stiegen alle ein und ab gings nach Kathmandu. Auf der Fahrt dachten wir nicht nur einmal, jetzt haben wir das Beben überlebt, nun kommen wir wahrscheinlich noch bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Fahrstiel dieses Fahrers entzieht sich jeder Vorstellungskraft. Aber immerhin kamen wir gegen 18.00 Uhr in Kathmandu an. Die Zerstörungen, die wir in Kathmandu sahen, waren nicht so schlimm, wie wir befürchtet hatten. Natürlich gab es auch hier schlimme Zerstörungen. Aber es war nicht so flächendeckend wie in den Bergdörfern.

Vor unserem Hotel erwartete uns Temba. Eine Riesenfreude auf beiden Seiten. Wir hatten es geschafft. Verabschiedung von unserem Team. Hier flossen auf beiden Seiten Tränen. Kontaktdaten hatten wir vorher schon ausgetauscht. Dann sofort unsere Tochter anrufen. Auch bei ihr eine Riesenerleichterung. Wir baten sie, sofort bei Turkish Airlines anzurufen und zu versuchen unseren Flug, der eigentlich erst für den 6. Mai gebucht war, auf einen früheren Zeitpunkt umzubuchen. Wir wollten nur weg! Kurze Zeit später rief sie zurück. Wenn wir wollten, könnten wir schon am nächsten Morgen fliegen. Und ob wir wollten! Vielen Dank an Turkish Airlines, dass das so unproblematisch ging.

Endlich duschen im Hotel, anschließend Essen und ein gemeinsames Abschiedsbier mit Temba und Kami, die nochmal vorbeikamen. Dann die Nacht. Endlich wieder ein richtiges Bett. Wohl war uns trotzdem nicht. Gegen 02.30 Uhr merkte ich, dass Beatrix immer unruhiger wurde. Ich machte die Musik auf meinem Handy an, damit wir was hören konnten. Dann gegen 03.00 Uhr ein schweres Nachbeben. Alles wackelte. Wir hatten keine Kraft mehr rauszurennen und blieben einfach liegen. Es ist nichts passiert.

04.00 Uhr sind wir aufgestanden. 05.00 Uhr kamen Temba und Kami und haben uns zum Flughafen gefahren. 300 Meter Schlange vor dem Flughafengebäude. Abschied von Temba und Kami. Gegen 07.30 Uhr waren wir endlich durch alle Kontrollen durch. 08.30 Uhr hob der Flieger ab. Ein unbeschreibliches Gefühl! Endlich in Sicherheit! Umsteigen in Istanbul. Landung in Leipzig gegen 17.30 Uhr. Unsere Tochter wartete am Flughafen. Sie endlich wieder in die Arme zu schließen war wahnsinnig schön!

Was ist geblieben: Eine Riesenerleichterung endlich in Sicherheit zu sein und dennoch ein Gefühl, die Leute, die uns geholfen haben, einfach im Stich gelassen zu haben. Wir konnten weg, andere können das nicht. Ohne unser Team und die Einheimischen in Gjangjin Gompa wären wir heute nicht mehr am Leben. Wenigstens etwas wollen wir zurückgeben.

Anups Haus in der Nähe Kathmandus ist total zerstört. Er lebt mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern unter einer Plane. Seine Hochzeit ist in weite Ferne gerückt. Seine Mails zeigen seine große Verzweiflung und Angst. Ihm haben wir bereits Geld überwiesen.

Kami und Kesang stammen aus dem Langtang. Auch ihr Haus ist beim Beben am 25. April total zerstört wurden.

Dorsche hatte eine kleine Lodge auf einem Bergrücken. Total zerstört.

Mingmar und die beiden anderen Sherpas hatten beim ersten Beben Glück. Sie stammen aus dem Solu Kumbu. Ihre Häuser blieben unbeschädigt. Leider hatten sie das Glück beim zweiten Beben am 12. Mai nicht. Auch ihre Häuser wurden stark beschädigt.

Tourismus wird es nach meiner Ansicht im Langtang auf lange Zeit nicht mehr geben. Die Wege sind zum großen Teil verschüttet und unpassierbar. Die Lodges sind zerstört oder schwer beschädigt. Wovon die Menschen in nächster Zeit leben sollen, wenn sie keine Hilfe erhalten, weiss ich nicht.

 

 

Ich kann nur alle bitten zu helfen. Zu unseren Guides und Trägern haben wir direkte Kontakte. Ihnen können wir direkt Geld zukommen lassen. Die Hilfsorganisation Sunaulo Sansar hilft speziell den Einwohnern des Langtang. Diese Organisation wird von Temba und seiner deutschen Frau Sabine ehrenamtlich geleitet. Wer helfen möchte oder weitere Fragen hat, kann sich gern an mich wenden. Ich freue mich über jede Nachricht!

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